Internetzugang: Flat oder nicht Flat, was ist hier die Rate?

Sie kennen die Bahncard 100? Auf neusprech: die Eisenbahn-Flat? Man steigt ein, legt Handgepäck mit Lunch-Paket neben sich, lässt die Bahn fahren. Völlig unkompliziert. Anders die Telekom: In deren Festnetz-Flat soll das Mitbringen von Lunchpaketen künftig nur noch begrenzt möglich sein, der große Hunger möge bitteschön nur noch im konzerneigenen Speisewagen gestillt werden.

Wie bitte?

Jenseits von Telekom kann das „wirkliche“ Internet nur eines: Standardpakete von einem Rechner zu einem anderen transportieren. Manche nennen das Internet deshalb „dumm“. Allerdings macht dieses dumme Netz genau das was es soll, und das unermüdlich und ohne Ansehen von Herkunft, Ziel oder Inhalt der Pakete. Gerade diese „Netzneutralität“ macht das Netz so erfolgreich: Egal, was ich reinstecke – die Standardpakete kommen stets an. Ohne Ansehen der Tatsache, ob ich meine Pakete als kleiner GMX-User auf die Reise schicke, als große ARD oder als Suchmaschinen-Gigant. Oder – Stichwort Telekom – ob das zu transportierende Video ein Telekom-Entertain-Video ist oder eines von WDR.de.

Eitelkeit oder Profitstreben?

Der Ex-Bundespost-Gigant will sich nun nicht mehr mit der Rolle dieses schlichten Datentransporteurs (manche sagen gemeinerweise „des Bit-Schubsers“) zufrieden geben. Timotheus Höttges hat nämlich ein Problem. Heute noch zuständig für Finanzen und zukünftig Chef der Telekom ist es ihm ein Dorn im Auge, dass die Aktien seiner Firma nicht so recht steigen wollen. Als Chef einer Aktiengesellschaft ist es aber sein Auftrag, eben dafür zu sorgen. Nun sind die Interessen der Telekom-Aktionäre aber nicht unbedingt die der Internet-Nutzer. Was also ist der Plan?

In ADSL-Verträgen ab Mai 2013 ist eine Drosselung des Zugangs auf ISDN-Geschwindigkeit vorgesehen, wenn in einem Monat 75 GByte Transfervolumen erreicht sind. Für Familien mit Kindern, für Leute, die Tatort oder Seifenoper auch mal zeitsouverän via Internet schauen oder für Wohngemeinschaften sind 75 GByte nicht viel. Ein Kinofilm in HD ist rund 10 GByte groß, die neuen Telekom-Veträge bedeuten bei solchen Gemeinschafts-Anschlüssen in der Praxis: Ab Mitte des Monats nervt der Aufbau einer Wikipedia-Seite gnadenlos, das Internet-Fernsehen geht komplett aus. Ungebremst und ungedeckelt kommen Bilder und Töne dann nur noch vom T-Entertain-Portal ins Haus. Ja, was denn nun: Soll die Internet-Drossel den wachsenden Datenverkehr bremsen (so heißt es in den aktuellen Verlautbarungen) oder – Nachtigall, ick hör dir trapsen – soll der Telekom-Kunde Musik und Video nur noch genießen aus dem – verglichen mit der Konkurrenz – bisher recht erfolglosen Telekom-Entertain-Paket? Der ehemalige Staatskonzern als grenzenloser Videoanbieter, der ARD-Mediathek und Youtube ausbremst? Ein seltsames „Geschmäckle“ hat diese Geschichte…

Oder doch technische Notwendigkeit?

Versuchen wir einen wohlwollenden Blick auf die aktuellen Pläne: Der Datenhunger der DSL-Kunden steigt Jahr für Jahr, irgendwann muss vielleicht Schluss sein? Weil sonst das Netz zusammenbricht? Das klingt plausibel und ein wenig nach Club of Rome, allerdings wachsen seit Anbeginn die Geschwindigkeiten der eingesetzten Transporttechniken ähnlich schnell wie der Bandbreitenhunger. In Sachen Internetgeschwindigkeit gibt es keinen ökonomischen, ökologischen oder technischen Grund für ein „Basta!“. 80 Milliarden – sagt die Telekom – sind nötig für den Netzausbau, wenn alles weitergeht wie bisher. Bitte seriös bleiben: Die 80 Milliarden will der Konzern für die Anschlüsse der Privathäuser ans Glasfasernetz ausgeben. Das hat nichts mit einer drohenden Überlastung „des Netzes“ zu tun. Die Kosten der Netzbetreiber sind recht unabhängig von der Auslastung des Netzes.

Womit aber verdient die Telekom ihr Geld? Zum einen mit dem Verkauf der DSL-Zugänge an die Endkunden. Nicht schlecht aber auch am anderen Ende der Leitung: „Das Internet“ besteht aus einer riesigen Zahl von Teilnetzen, die mittels Peering miteinander verbunden sind; die Daten des einen Netzes werden in das nächste weitergeleitet an sogenannten Peering Points. Der größte dieser Knoten ist de-cix mit mehreren Terabit Übertragungsvolumen pro Sekunde. Meist leiten die jeweiligen Netzbetreiber die Daten im Tauschverfahren weiter: Große Netzbetreiber erzeugen mit ihren vielen Kunden viel Traffic, betreiben aber auch leistungsfähige Netze für den Transport. Die Telekom hingegen verlangt für ruckelfreie Durchleitung von Angeboten Dritter Entgelte. „Großkundenanschluss“ heißt leistungsfähiges Peering bei der Telekom.

Ein Blick auf die „Marktbegleiter“ national…

Und nun? Was tun die anderen? Vodafone als aggressiver Konkurrent der Telekom hat gerüchteweise ähnliche Pläne in der Schublade, dementiert aber. Kabel Deutschland, Hauptkonkurrent der Telekom mit eigenem Netz, plant fast keine Datendrossel: Nur wer an einem Kalendertag mehr als 10 GByte Daten via Filesharing-Dienst transportiert, dem wird just dieser Dienst für den Rest des Tages ausgebremst. Keine Geschwindigkeitsdrossel gibt es beispielsweise bei Unitymedia sowie 1&1. Nur wenige Stunden nach der Veröffentlichung der Drossel-Pläne der Telekom ging die Seite werdrosselt.de ans Netz, sie bietet einen guten Überblick über die aktuelle Entwicklung.

…und international

Durchschnittliche Geschwindigkeit von Endkundenzugängen

Durchschnittliche Geschwindigkeit von Internetzugängen (Endkunden)

Eine Untersuchung des Netzwerk-Unternehmens Akamai zur durchschnittlichen Internet-Speed für Endkunden sieht Deutschland auf Platz 19.

Im internationalen Vergleich sind Internetzugänge hierzulande alles andere als top. „Der Markt soll es richten“ – sagen die Einen. Andere fordern gesetzliche Regelungen nach dem Vorbild des Straßenverkehrs: Der Staat ist in einer Industriegesellschaft für Infrastrukturaufgaben oder zumindest die entsprechende Koodination zuständig. Ein Blick nach Schweden könnte hier richtungsweisend sein: Hier wurde politisch entschieden, dass schnelles Internet verfügbar sein muss. Schweden ist  das Land mit der weltweit vierthöchsten Internet-Nutzung. Hier sind nicht selten die Kommunen Betreiber von glasfaserbasierten Hochgeschwindigkeitsnetzen, die bis in die Privathäuser hinein mit bis zu 100 MBit/s verlegt wurden. Privatwirtschaftlich organisierte Zugangsprovider mieten die Leitungen und betreiben das Endkundengeschäft, wirkliches Breitbandinternet gibt es ab 23 Euro/Monat (http://www.bredbandsbolaget.se/, https://www.comhem.se/).

Die Idee, dass man Internet künstlich ausbremsen könnte, ruft hier nur Kopfschütteln hervor.

Update: „Wenn Youtube zahlt, wird es nicht gedrosselt“ – Telekom bestätigt: Gegen Bares werden Anbieter von der Drosslung ausgenommen.

 

3 Kommentare zu „Internetzugang: Flat oder nicht Flat, was ist hier die Rate?

  1. Olaf Schott schrieb am :

    Eine beim deutschen Bundestag eingereichte Petition zur Netzneutralität hat innerhalb weniger Tage das Quorum von 50.000 Mitzeichnern erreicht, wird also vom Petitionsausschuss öffentlich beraten und der Petent darf sie persönlich vortragen. Die Mitzeichnungsfrist läuft noch bis zum 18. Juni.

  2. Olaf Schott schrieb am :

    Update 2013-12-02: Medienberichten zufolge ist die Telekom-Flatrate jetzt wieder flach (also unlimitiert) – nach einem Urteil des LG Köln im Oktober revidiert die Telekom nun ihre Position.