Journalismusforum 2018

Menschen erreichen – publizistisch relevant sein

MONTAG, 5. NOVEMBER 2018 | MÜNCHEN | BAYERISCHER RUNDFUNK

„Wir müssen unsere Rolle grundsätzlich neu definieren“

Eine Vielfalt an Projekten, Studien und Grundlagen wurde am Montag im großen Konferenzsaal beim BR präsentiert – immer getragen von der Idee: Wie kommen wir Medienmacher besser mit dem Publikum ins Gespräch?

Und so unterschiedlich die Herangehensweisen auch waren – eines war allen gemeinsam: Thinking outside the box oder die gelegentlich gewisperte Frage: Was hat das noch mit Journalismus zu tun?

Downloads und Material

Ist meine Relevanz Deine Relevanz? Auf dem Weg zum hr3-Hörer über die ARD/ZDF-MedienNutzerTypologie
– Jan Vorderwülbecke, Programmchef für YOU FM und hr3, Hessischer Rundfunk
– Matthias Eckert, Leiter Medienforschung, Hessischer Rundfunk

YouTube, Design Thinking, nutzerzentrierte Entwicklung
– Georg Tschurtschenthaler, Senior Producer Film & Crossmedia, Gebrueder Beetz Filmproduktion

Vom Nutzen und Nachteil der Publikumsbeteiligung
– Dr. Thomas R. Schmidt, Postdoctoral Fellow, University of Oregon

Die Gesellschaft vernetzen, Informationen verifizieren und Debatten moderieren

Thomas Hinrichs, Informationsdirektor BR, brachte es in seiner einführenden Keynote auf den Punkt: „Es reicht nicht mehr aus, dass wir uns nur an einigen Stellen verändern, sondern wir müssen unsere Rolle grundsätzlich neu definieren. Wir müssen die Gesellschaft vernetzen, Informationen verifizieren und Debatten moderieren.“ Dafür müssen die Journalistinnen und Journalisten bei den Menschen vor Ort sein. 56 Reporter berichten momentan für den BR aus der Fläche. „Wir müssen debattenfähig sein – auch mit denen, mit denen wir möglicherweise abends nicht zum Grillen gehen würden“, so Hinrichs.

Mehr Nutzerorientierung – von der Themenfindung bis zur Verbreitung

Neben der persönlichen Begegnung, die bei der Süddeutschen Zeitung „Auf ein Bier mit der SZ“ heißt oder beim ZDF der Wissenssenat ist, war ein Schwerpunkt des Tages die digitale Kontaktaufnahme mit dem Publikum – jedweder Art: Sei es in Form von Aufrufen an Leser, Zuschauerinnen und Hörer, sich doch bei Ideenfindung oder Recherche zu beteiligen – oder natürlich bei den Formaten und Ausspielwegen, die sehr zielgruppengenau austariert werden müssen, um überhaupt vom Publikum wahrgenommen zu werden. Dr. Udo Grätz. stellv. Chefredakteur des WDR. berichtete davon, dass man eine Doku mit dem Fernsehtitel ins Netz gestellt hätte mit dem Ergebnis – keine Klicks. Dann wurde exakt die gleiche Doku mit einem anderen Titel ins Netz gestellt – und schon gingen die Klicks durch die Decke.

Wer sind die Menschen, die wir erreichen wollen? – Medienforschung hilft

Matthias Eckert, Leiter Medienforschung, hr, konnte erklären, warum das so ist: „Es gibt unterschiedliche Mediennutzungstypen, die gleich alt und gleich gebildet sein können und dennoch komplett andere Mediennutzungspräferenzen haben.“ Wenn dazu laufend neue Ausspielwege kommen, ergibt sich eine beliebig komplexe Matrix der Möglichkeiten. Jan Vorderwuelbecke, Programmchef von YOU FM und hr3, hat sich die Mediennutzertypologie zunutze gemacht, Sendeformate damit neu geplant und so die Reichweite um 50 Prozent gesteigert. „Wenn wir unseren Auftrag ernst nehmen und die Menschen erreichen wollen, müssen wir uns mit solchen Zahlen beschäftigen“, so Vorderwuelbecke.

Nur – und das brachte Thomas Hinrichs gleich eingangs aufs Tapet – welcher Medienschaffende liebt schon das Spiel mit Zahlen und Metriken? Aber Datenjournalismus, investigative Recherchen und künstliche Intelligenz basieren auf Mathematik und Code. „In unseren Newsrooms müssen neben den Journalistinnen und Journalisten neue Gewerke wie Coder, Visualisierer und Mathematikerinnen sitzen, die einander gut verstehen“, erklärt Hinrichs.

„Nerds und Journalisten“ – vielfältige Teams sind unerlässlich

Dieser Ansicht schloss sich Maria Exner, stellvertretende Chefredakteurin von Zeit online an. Projekte wie „Deutschland spricht“, das mittlerweile international von Medienhäusern eingesetzt wird, lebt von der persönlichen Begegnung zweier Menschen, die unterschiedliche Auffassungen miteinander diskutieren. Damit es zu diesen persönlichen Begegnungen und den daraus erwachsenden Geschichten kommen kann, müssen aber Programmierer und Datenbankspezialisten einen guten Job gemacht haben, damit der zu diskutierende Gegensatz möglichst groß, aber die lokale Entfernung möglichst klein ist.

Messenger, Apps und Filterblasen – dorthin gehen, wo die Nutzer sind

Out oft he Box war auch die Idee, die Markku Mastomäki, Executive Producer bei YLE, dem öffentlich-rechtlichen Sender Finnlands, vorstellte: Sein Team will die jungen Leute erreichen, die hinter ihren Spielekonsolen unerreichbar scheinen. Diese benutzen die Instant-Messaging-Software Discord, die auch in Deutschland unter Gamern weit verbreitet ist. YLE hat es geschafft, die jungen Leute über den Kanal anzusprechen und mit ihnen zu gesetzten Themen zu interagieren.

Doch bei allen Ideen, näher an die Menschen heranzukommen, blieb die Frage von Julia Bönisch, Chefredakteurin von süddeutsche.de, schwer im Raum hängen: „Wie kommen wir in die Filterblasen der Menschen hinein?“ Dr. Udo Grätz meinte, da bliebe nur Fleiß und Hartnäckigkeit: „Wir merken, wenn man sich die Mühe macht und antwortet, gehen die Menschen damit um. Es ist für uns immer wieder erstaunlich, welche Reaktionen wir dann zurückbekommen.“

Autorin: Martina Lenk
Bilder: Sven Dütz

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